Freundlicherweise dürfen
wir die Logbücher, die während der Regatta übermittelt wurden, an
dieser Stelle wiedergeben. Hierfür
nochmals herzlichen Dank an die Verantwortlichen der LUV. Im folgenden
also die originalen Logbücher der Luv in
chronologischer Reihenfolge zum nachlesen. Wie auf der folgenden
kleinen Auswahl der übermittelten Bildern zu erkennen war,
war die Stimmung vor, nach
und während der Regatta sehr gut.


Heiko Tornow
An Bord LUV
24.6.2007, 03.00 Bordzeit (UTC)
Ort:43.47.73.N 43.10.05 W
Wind 10 Kn aus S
See: ca 0,3 m, alte Dünung
Heute Nacht streichen wir den Lohn langer und intensiver Vorbereitungsarbeit ein. Fast zwei Jahre hat es gedauert, um aus dem mit allem technischem Schnickschnack ausgerüstetem Familiensegler die vergleichsweise wettbewerbsfähige Regattayacht LUV zu machen.
Leichter musste sie vor allem werden. Bugstrahlruder, Elektrowinschen, dicke Matratzen, Mikrowelle. Runter vom Schiff. Türen vor den Schlafkammern? Überflüssig. Teller, Tassen, Besteck wurden gewogen und für zu schwer befunden. Ersatz aus Kunststoff spart hier ein Gramm, dort ein Kilo. Gläser für Wein und Bier? Wir nehmen nur drei Flaschen Bier pro Nase mit. Die werden so an den Hals gesetzt.
Als die LUV bei ihrer Vermessung im Frühjahr auf die Wage musste, präsentierte sie sich schlank und rank. Mehr als 1,5 Tonnen Gewicht sind weg. Die müssen nicht mit über den Atlantik geschippert werden.
Und heute Nacht zeigt sich der Nutzen des Abspeckens. Bei leichtestem Wind zieht der hauchzarte Spinnaker unser Schiff mit gut sechs Knoten voran, ein toller Wert. Der ist neben tausend weiteren Faktoren natürlich auch den Segeln geschuldet, die - aus Hightechfolien geschneidert- bei geringstem Eigengewicht maximale Leistung erreichen.
Die beiden anderen X 482-Yachten im Blue-Race-Feld, unsere Schwesterschiffe Seeadler und HASPA Hamburg sind ein wenig schwerer. Einer kleinen Brise gelingt es nur mit Mühe, die jewei1s fast 13 Tonnen in Bewegung zu setzen. Bei Starkwind ist unsere Vorteil nicht so gewichtig. Also hoffen wir auf weitere Stunden ähnlich entspannten Wetters.
Aber wie es der Zufall will: Es stellt heraus, dass Seeadler und Haspa aufholen. Der Wind ist ein örtliches Ereignis. Anderswo ist er anders, manchmal besser. Jörg, unser Trimmer aus Nordrhein –Westfalen sagt dazu: “Das ist hier ja genauso wie auf dem Halterner Stausee.“
Am Nachmittag sind alle, auch die Freiwache, an Deck. Es ist warm. Wir können Socken, Stiefel und Ölzeug trocknen. Arne erzählt, warum St. Pauli der tollste Kickerverein ist. Daniel liest einen historischen Roman, Kai und Jörg beißen von meiner Wurst ab. Freddy lässt sich von seinem Walkmann zudröhnen und holt sich einen Sonnenbrand. Daniel will auch von meiner Wurst abbeißen. Genau so stellt man sich ein Seerennen auf dem Nordatlantik vor. Was für ganz harte Kerle.
„Geschenkte Meilen.“, sagt Fußballfan Arne und meint damit wohl so etwas wie geschenkte Elfmeter.
Bootsmann Jörn nutzt die ruhige Lage für kleinere Reparaturen. Die Kompassbeleuchtung ist ausgefallen, Am Vorstag muss ein Beschlag neu gebastelt werden und ein Augbolzen am Ruderstand wackelt. Der hatte nachgegeben, als bei schwerem Wetter vor drei Tagen eine Welle einstieg und den Rudergänger quer durchs Heck warf. Der Sicherheitsgurt, am Augbolzen befestigt, verhindert das Überbordgehen in stockfinsterer Nacht. Der harte Ruck hatte Folgen. Der Augbolzen ist lose und einen großen blauen Fleck an der Hüfte hab ich auch. (Ich beschreibe dies dramatische Ereignis hier mit Verspätung. Da hat man trotz des lauschigen Wochenendstimmung doch noch was Schönes zum Gruseln.)
Ich sitze auf dem Vorschiff und repariere Segel, die Beine baumeln außenbords. Dutzende von Delphinen fordern zum Wettrennen auf. Sie sind enttäuscht von unserer heutigen Schleichfahrt und suchen bald das Weite. Zwei große Schildkröten treiben vorbei. Suppenschildkröten?
Die LUV macht ein paar Punkte gut. Sehr befriedigend.
Geschenkte Meilen.
Heiko
Tornow
An Bord LUV
25.6.2007,
12.00 Bordzeit (UTC)
Ort:48.43.N 35.53W
Wind bis 3 bis 4 Beaufort aus S.
„TRANSOCEAN 10“ steht in großen Lettern auf der Rettungsinsel der LUV. Alle zehn Besatzungsmitglieder finden im Falle unseres Schiffbruchs Platz in dem hochseetauglichen Pusteboot.
Wirklich alle? Sind wir denn nicht in Wirklichkeit elf ? Genau wie in dem Clooney-Film „OCEANS eleven“ ?
Wollen doch mal genau durchzählen:
Siegeswille, Leistungsbereitschaft, große Gelassenheit. Leise Stimme.
Eigenschaften: Unendliche Geduld bei stundenlangen Versuchen, Satelliten-
kommunikation aufrecht zu erhalten. Berlinert wie ein Berliner.
Und dann ist da noch Horst. Horst hat vergessen, das Toilettenventil zu schließen. Horst hat den Knoten gebunden, der nicht gehalten hat. Horst stand am Ruder bei der Patenthalse. Horst macht nur Mist.
Immer wenn ein rachsüchtiger Bordkamerad wissen will, „wer den Scheiß nun schon wieder“ angerichtet habe, lautet die Antwort, meist vielstimmig: „Das war Horst.“
Dieser Sündenbock fährt mit, weil mit ihm die Schuldfrage an jeglichem Übel, an allen Pannen und Unzulänglichkeiten ein für allemal geklärt ist. Horst erträgt jede Beschimpfung. Alle anderen können sich damit befassen, Fehler in Zukunft zu vermeiden.
Horst wird wohl einen Platz in der Rettungsinsel bekommen, wenn wir absaufen sollten. Auch wenn er – was schon jetzt fest steht – an diesem Unglück die Alleinschuld tragen wird.
Um 8.20 Uhr Bordzeit könnten wir das „Bergfest“ feiern. 1869 Meilen liegen hinter uns, 1869 noch vor uns. Wir könnten jetzt jeder das Bier trinken, dass eigens für diesen Anlaß gekühlt wurde. Aber niemand mag so früh am Morgen Bier. Kein Alkoholiker an Bord.
So bleibt es bei einer kleinen Laola im Cockpit.
Es regnet. Nichts ist überflüssiger als Regen auf dem Ozean.
Heiko
Tornow
An Bord LUV
27.6.2007,
12.00 Bordzeit (UTC)
Ort:50.09.N 30.08W
Wind bis 3 bis 4 Beaufort aus SSW
Das Meer überrascht in der Früh mit einer eigenartigen Farbe. Ein fahles türkis. Jeder, der ins Cockpit kommt, sagt: „Das Meer hat heute früh aber eine eigenartige Farbe.“
Punkt 12 Uhr Mittags errechnet Navigator Frank das Etmal. In 24 Stunden hat die LUV stolze 211,7 Seemeilen über Grund zurückgelegt. 24 Stunden später lautet das Etmal: 202 Seemeilen. Für unseren Familienkreuzer und bei diesem schwachen Wind ein recht ordentlicher Wert. Eigentlich ist diese Feststellung zu bescheiden: So gut war das Etmal der LUV noch nie. Und sie hat immerhin schon 9915 Meilen seit ihrem Stapellauf vor fünf Jahren auf ihrer ewigen Logge. Die Konkurrenz segelt auch schnell. Schade.
Am Nachmittag ein Hauch von Hitchcock auf der LUV. Vögel greifen unser Masttopp an. Immer wieder stoßen zwei schlanke Seeschwalben herunter auf die oberste Spitze unserer Antenne, schimpfen laut, geben irgendwann auf. Was die wohl geritten hat?
Unser Halbzeitbier trinken wir um17 Uhr. Ich halte als Skipper eine aufmunternde Zwei-Satz-Rede und sage erstens, dass die Hälfte der Strecke hinter uns liegt. Und zweitens: “Wir machen keine halbe Sachen.“ Was bleibt uns auch übrig?
Otto zeigt erste Anzeichen von Container–Koller. Er mag das Plastikgeschirr und Kunststoffbesteck nicht mehr: „Ich freue mich auf eine vernünftige Metallgabel, da macht ihr Euch gar kein Bild von.“
Tatsächlich ist der Komfort für zehn Mann auf einer 48-Fuß langen Yacht außerordentlich reduziert. Tisch und Bänke sind zumeist unter nassen Segelsäcken verbuddelt. Gegessen wird daher vor allem sitzend im Cockpit oder unter Deck im Stehen. Dabei ist der Mann möglichst stabil mit beiden Beinen auf den Bodenbrettern und dem Hintern gegen das Küchenmöbel stabil gestützt. Der Oberkörper gleicht leicht und elegant die schweren Bewegungen des Schiffes aus.
So bleiben eine Hand für die Gabel und eine Hand für den Teller. Die andere Hand für das Schiff? – das ist sprichwörtlicher Unfug. So würde niemand satt.
Die Privatsphäre eines jeden ist auf 190 mal 45 Zentimeter beschränkt. So groß ist der Schlafsack. Die Koje teilt sich die Freiwache mit den Diensthabenden. Nach jeweils vier oder sechs Stunden kraucht die eine Gruppe auf die vorgewärmte Matratze der anderen. Dafür existiert sogar ein Fachausdruck: Das „Prinzip heiße Koje“.
Die persönlichen Habseligkeiten (Mehr als zehn Kilo durfte niemand mitnehmen, Kleidung und Zahnbürste inklusive) finden Platz in engen Schapps, so groß, dass eine sehr kleine Sporttasche mit Mühe hineingestopft werden kann. Der Skipper hat zwei Schapps. So viel Privileg darf sein.
Wer mal für sich allein sein möchte, steckt sich einen iPod ins Ohr, nimmt sich ein Buch vor die Nase, sucht mit den Augen das Meer ab. Es gelingt den meisten mittlerweile recht gut, so allgegenwärtigen Krach und Getöse zu verdrängen und ein paar Minuten die Illusion der Einsamkeit zu genießen.
In schwärzester Nacht, Punkt 0 Uhr, ein ganz besonderer Lärm. Der Chor der LUV singt: „Happy birthday, lieber Kai.“ Unser Bordarzt ist 44 geworden.
Heiko Tornow
An Bord LUV
29.6.2007, 12.00 Bordzeit (UTC)
Ort:52.58.16 N 021.39,37 Heftiger Regen. Grobe See
Der Nachmittag vor dem Sturm. Gespannte Aufmerksamkeit bei allen, die in Richtung aufziehende Front blicken. Die kommt wie im Bilderbuch von achtern mit hohen Zirruswolken, darunter immer schwärzere Schichten bis ran an den Horizont. Leichter Regen setzt ein. Das Barometer sinkt seit Stunden deutlich, jetzt immer rascher.
16.30 Uhr 1006 Hektopascal. Wind 13 Knoten aus Süd. Spinnaker weg. Genua 1 schwer und Groß. Höher ran an den Wind. 7,8 Knoten Speed. Kurs 79.
Wir haben herausgefunden, warum wir immer so viel Wasser im Schiff haben. Bei einer Kontrolle stellt der Skipper an die 200 Liter fest, die verbotswidrig in der Bilge schwappen. Drei Mann lenzen mit Pumpe, Pütz und Schwamm. Jörn überprüft alle Decksdurchlässe und Ventile. Schließlich ist die Ursache ausgemacht: : Das Prozesswasser des Watermakers läuft nicht nach außenbords sondern ins Schiff. Der zuständige Schlauch ist falsch montiert worden. Von Horst.
18 Uhr: Genua 1 weg. Genua 3 hoch.
19.30 Uhr: 1. Reff ins Groß
21.Uhr: Genua 3 weg. Genua 4 hoch..
Die Vorschiffsmänner Frank, Kai und Jörn leisten Schwerstarbeit bei den vielen Segelwechseln.
22.30 2. Reff ins Groß.
Unser Boot zeigt bei dem langsam sich verschlechternden Wetter, welch gutes Hochseeschiff es ist. Zwei Stunden stehe ich am Ruder und nicht einmal muss ich das Rad mehr als einen Zentimeter bewegen. Die LUV läuft wie auf Schienen, perfekt getrimmt, sehr hoch am Wind und recht flott. Es regnet in Strömen. Das soll die ganze Nacht so weitergehen und morgen von Dauerregen abgelöst werden, der später besonders heftig fallen soll.
Segeln, wir erfahren es sozusagen bis auf die Haut, ist nun mal ein Wassersport. Was beschweren wir uns?
Der Wind bleibt bei 6 bis 7 Bft. Mal weniger. Wir reffen aus. Mal mehr, wir reffen ein.
Um 11 Uhr trägt die LUV das Groß nicht mehr. Hoch am Wind zieht bei 35 Grad Krängung die Seereling durch das Wasser. Die LUV bockt in der aufgewühlten See wie ein Rodeobulle. Das Schiff schlägt hart in die heranrollenden Wellen. Das Tippen des Logbuches wird anstrengend.
Jetzt ist nur noch die Genua 4 oben. Entlastung für Rigg und Crew. Dennoch laufen wir gute h
Höhe.
Freddy zieht um 12 Uhr auf Wache. Er sagt: Es ist erstaunlich, wie fit man nach vier Stunden Schlaf nach einem Erschöpfungszustand wieder sein kann.“
Freddy wird seine Fitness noch brauchen. Der Wind nimmt weiter zu.
.
Heiko
Tornow
An Bord LUV
30.6.2007,
12.00 Bordzeit (UTC)
Ort:54.24.N 18.18 W
Wind bis 3 Beaufort aus Ost
Das Schlimmste ist vorbei. Der Sturm hat sich ausgeweht. Wir haben noch mal Glück gehabt. Es gibt auch im Sommer Atlantikstürme, die fallen weit heftiger aus und dauern länger.
„Wir lieben die Stürme, die brausenden Wogen, der eiskalten Winde raues Gesicht.“ Ein ziemlicher Blödmann, der Dichter dieses gern gesungenen deutschen Liedgutes. Kein Seemann, der noch alle Tassen im Schrank hat, mag Stürme, schon gar keine eiskalten. Die Segler, die derzeit um den Amerikas-Cup wetteifern, haben sich eigens wegen der angenehmen Temperaturen in Spanien versammelt. Auch wegen der in Valencia vorherrschend lauen Lüfte. Ab Windstärke fünf werden dort die Regatten abgeblasen. Bei mehr Druck in der Luft werden Alinghi und Co. umgepustet.
Da kann unser Schiff ´ne Ecke mehr ab. Gestern zum Beispiel.
Seit gestern Nachmittag entfaltet die LUV von Stunde zu Stunde wieder mehr Segeltuch. Gegen Mitternacht bei 13 Knoten Wind wieder Vollzeug. Aber es keine gute Fahrt im Schiff.
Die alte See steht noch durch. Die Wellen laufen kreuzweise durcheinander und wetteifern miteinander um den größten Einfluss auf unser Boot. Die langen steilen von vorn stoppen die Fahrt. Die von der Seite lassen es schlingern. Die von achtern hindern den Rudergänger daran, geradeaus zu steuern. Und das waren jetzt nur drei der unterschiedlich hohen, unterschiedlich schnellen, unterschiedlich steilen, aus allen möglichen Himmelsrichtungen heran- und vorbei- und nachlaufenden Wellenbergen. Von den Tälern ganz zu schweigen. Und in stockfinsterer Nacht sieht man nicht mal was von dem ganzen Durcheinander.
Wir sind erleichtert, weil nichts zu Bruch gegangen ist. Auch Freude darüber, dass wir uns einen Platz nach vorn gesegelt haben. Aber wir wollen vorankommen. Endlich Schottland sehen und dann diesen ewig grauen, irgendwie miesepetrigen Nordatlantischen Ozean gegen die heimelige Nordsee eintauschen.
Kaum schreibe ich diesen Satz, belehrt mich der gescholtene Atlantik eines Besseren. In der Dämmerung tauchen zwei Dutzend Meeressäuger auf und verfolgen - im Gleichtakt springend - die LUV in dichtem Abstand. Orkas? Riesendelphine oder Zwergwale? Frank bedauert: „Kein Walfischbestimmungsbuch zur Hand.“ Delphine sind es wohl nicht. Den Tieren fehlt die typische Flipper-Schnauze. Die Show dauert länger als eine Stunde und kostet uns eine halbe Meile. Der Rudergänger lässt sich ablenken.
Das wird eine originelle Ausrede wenn es einmal darum gehen sollte, zu erklären, warum wir das „blue race“ nicht gewonnen haben. Jörn sagt zu solch defätistischen Überlegungen: „Was heißt hier nicht gewonnen. Der Stahl ist noch lange nicht gelutscht.“ Recht hat er.
Dann Flaute. Drei ewige Stunden, bleierne Zeiten. Langsam
setzt sich eine leichte Brise durch. Rolling
home.
Heiko
Tornow
An Bord LUV
1.7.2007,
12.00 Bordzeit (UTC)
Ort:.N
55.17.80 N 01604.46 W
Wind 0 bis 2 Beaufort aus NNW, Dünung 2-3 Meter hoch
Da ist er dahin, der schöne Vorsprung. Im heftigen Sturm gewonnen, in der lahmen Flaute verloren. Charisma und Cherie Raffay sind die beiden Schiffe in unserer Klasse, die vor uns lagen, eingeholt wurden und jetzt wieder mit besserem Wind ein paar Plätze gut gemacht haben.
Der Wind ist, wie gesagt, ein örtliches Ereignis. Die LUV klebt ziemlich genau im Zentrum eines Tiefs vor Irland. Hier ist es ruhig, wenn auch nicht gemütlich. Je weiter entfernt die Konkurrenten von uns sind, um so mehr Wind haben sie.
Wir versuchen deshalb mit Macht der Flaute zu entfliehen. Das dauert. Das nervt. Das ist nur bedingt erfolgreich.
Im Kühlschrank, den zu säubern er sich vorgenommen hat, findet Frank eine vergessene halbe Flasche Bier. Frank will ein bewährtes Mittel ausprobieren und dem Windgott Rasmus opfern. Nach alter Sitte erhält der einen guten Schluck aus jeder Pulle an Bord und er bedankt sich dann dafür mit Wetterzauber.
Das Bier wäre doch was für Rasmus! Ich murmele die altehrwürdige Beschwörungsformel: „Rasmus, guter alter Vetter, schenke uns bald gutes Wetter und dazu noch guten Wind. – dass wir bald in Hamburg sind.“
(Es gibt auch diese – ein wenig unsportlichere - Variante des Windzauberspruchs: „Rasmus altes Rübenschwein, schenk uns Wind, den andern kein`. “)
Das Bier mischt sich mit Seewasser. Und siehe da, es funktioniert. Ein Lüftchen setzt sich erst lau, dann immer kräftiger in Bewegung. Die Segel werden angeströmt. Die LUV nimmt Fahrt auf, erst zwei, dann vier, schließlich sechs Knoten. Und das fast in die richtige Richtung. Rasmus sei Dank!
Nach kaum einer halben Stunde ist die Brise schon wieder eingeschlafen. Das Bier war wohl schon zu abgestanden und schal. Oder, ebenso wahrscheinlich, die Charisma und Cherie-Raffay haben Rasmus mit schärferen Sachen bestochen. Wir wissen, dass die in dieser Hinsicht besser ausgerüstet sind als wir.
Und dann gibt’s noch diese Methode: Wenn eine Jungfrau am Mast kratzt… Das soll noch besser helfen als die Schnaps-Idee. In den vergangenen Stunden hat die Mädchencrew auf der KPMG ordentlich aufgeholt. Ob die da wen geeigneten zum Kratzen an Bord haben?
Der Race-Tracker verrät uns, was wir schon ahnten. Außer der „Peter von Seestermühe“, die dicht bei uns steht, haben alle anderen Wind. Das ist ungerecht!
Wir beschließen gleichwohl, wegen Aussichtslosigkeit von weiterem Aberglauben Abstand zu nehmen und besinnen uns auf solides christliches Fundament. Ein geeigneter Spruch findet sich –ein wenig frei zitiert – bei Mathäus: „Der Wind weht wo er will.“
Im Moment will er nicht.
Die Crew der LUV übt sich daher in der Demut, hinzunehmen, was nicht zu ändern ist. Wir vergessen aber auch nie, dreimal auf Holz zu klopfen, wenn einer Sätze sagt wie diesen: „Ihr werdet schon sehen. Alles wird gut.“ Noch an die 1000 Meilen bis ins Ziel. In der vergangenen Stunden haben wir zwei Meilen davon gut gemacht.
Die Stimmung an Bord ist prächtig. Ehrlich.
Heiko
Tornow
An Bord LUV
30.6.2007,
12.00 Bordzeit (UTC)
Ort: Äußere Hebriden, Insel Isle of Lewis
Wind 2 bis 3 Beaufort aus S0
Wir haben ein schwerwiegendes Problem. Der Stromgenerator der LUV läuft nur, wenn der Wind von Steuerbord weht.
Das scheint auf den ersten Blick nicht einsichtig. Ein Erklärungsversuch: Der Dieseltank ist eine mittschiffs eingebaute flache Blechkiste, in der Treibstoff im Seegang hin und her schwappt. Nun haben die Tankbauer den Entnahmeschlauch für den Diesel an die Backbordseite des Tanks positioniert. Segelt das Schiff auf Steuerbordbug fließt der Sprit nach rechts, saugt der Entnahmeschlauch keinen Diesel an sondern Luft. Das verträgt der Generator, auch „Jockel“ genannt, nicht und stellt seinen Dienst ein.
Wir segeln schon 28 Stunden auf Steuerbordbug mit Wind von backbord. Die Batterien sind leer bis auf einen kleinen Rest und können nicht geladen werden. Auf dem anderen Bug zu segeln verbietet sich. Wir wollen schließlich Regatta segeln und nicht irgendwo hin ins Nirwana.
Segeln ohne elektrischen Strom ist fast wie segeln ohne Wind. Ohne kommt man nicht an. Moderne Hochseeyachten, auch die LUV, sind abhängig von Volt und Ampere. Da ist vor allem die Navigation. Die Bestimmung des Schiffsortes geschieht mit Laptop und GPS.
Die Seekarten sind computerlesbare Chips. Das Navigieren nach Sternen und Planeten, Sonne und Mond mithilfe des Sextanten ist altmodisch geworden und beinahe in Vergessenheit geraten. (Mal abgesehen davon: Seit zehn Tagen haben wir weder Sonne noch Sterne gesehen, an denen wir uns nach der Sitte der Vorväter hätten orientieren können.)
Wetterberichte über Sattelitenfunk abrufen, Kühlschrank kühlen, Windrichtung und –stärke und Bootsgeschwindigkeit permanent messen, e-mails austauschen und so erfahren, dass Paris Hilton wieder aus dem Knast entlassen wurde – alles undenkbar ohne Strom. Auch unser Watermaker – wir haben darüber wiederholt berichtet - bedarf des Jockel.
Positionslaternen setzen, den Kompass im Dunkeln ablesen um danach steuern zu können, Ölzeug anziehen und Rettungsweste in finsterer Nacht suchen, Logbuchbeiträge schreiben und versenden – alles Fehlanzeige ohne Wind von steuerbord.
Landfall um 6 Uhr früh. Die Äußeren Hebriden im Norden Schottlands. Nach 18 Tagen auf See das erste Stück Felsen, an dem sich die Augen festhalten können. Ein gutes Gefühl. Ein Stück Europa, ein kleines Stück Heimat.
Für eine Stunde Handyempfang. Alle haben das Gerät am Ohr. Arne steht am Steuer und jibbelt. Er will endlich auch seine Familie erreichen, bevor das Funkfenster sich wieder schließt. Die Freiwache wird geweckt und meckert nicht mal wegen der Störung.
Von Daheim erreichen uns dringliche Anfragen: Wann seid Ihr endlich da? Um wie viel Uhr kreuzt Ihr vor Cuxhaven die Ziellinie? Die präzise Antwort darauf gibt uns das außerordentlich nützliche Navigationsprogramm MaxSea: Wir sind am 7.7.2007 nachts um 2 Uhr und 28 Minuten im Ziel.
Außer es ändert sich der Wind in seiner Richtung, in seiner Stärke, außer wir fahren in keine Flaute und in keinen neuen Sturm, außer die Gezeiten im Norden von Schottland und in der gesamten Nordsee stören unseren Kurs nicht und haben keinen Einfluss auf den Speed der LUV. Außer der Rudergänger fährt immer einen geraden Kurs. Außer wir machen keine taktischen Fehler bei der Beurteilung der Wetterentwicklung. Außer wir haben endlich mal wieder Wind von Steuerbord und können Strom machen.
Sonst wird es später. Oder früher.
Der Wind kommt von steuerbord. Das hilft den Batterien sehr und ist uns auch wiederum nicht recht. Uns steht jetzt eine 220 Meilen lange Kreuz bis in die Nordsee bevor. Dafür scheint endlich einmal die Sonne. Segeln kann so schön sein.
PS: Seekarten aus Papier haben wir natürlich auch mit. Wir kommen schon an. Keine Bange.
V Heiko
Tornow
An Bord LUV
5.7.2007, 12.00 Bordzeit (UTC)
2 Meilen südlich Fair Isle von Fair Isle
Wind 2-3 Beaufort aus SO
See: Glatt mit leichter Dünung
Von unserem Wetterberater Meeno Schrader kommt diese deprimierende Information:
„ Es gibt keine Chance der Flaute zu entkommen. Ihr müsst auf den neuen Wind warten.“ Das hilft uns nicht wirklich weiter.
Meenos mail ist Gegenstand sarkastischer Bemerkungen („Meenos Pause“) Aber was kann der arme Meteorologe dafür, dass dem gesamten Wetter in der nördlichen Nordsee die Puste ausgegangen ist. Wollen wir also nicht den Überbringer der schlechten Nachricht für diese haftbar machen.
Aber wir machen uns doch ein wenig lustig über seinen Rat: Mit dem „bisschen Wind was noch steht“ hoch am Wind nach Fair Isle zu segeln. Wenn das nicht klappt - weil zu flau - sollen wir die LUV „treiben lassen oder Anker werfen“; wegen der Strömung, die uns im Extremfall zwischen den Inseln mit bis zu zehn Knoten zurücktreiben könnte.
Ankern! Haha!.. Bei zur Zeit 41 Meter Wassertiefe benötigten wir gut 120 Meter Leine. Was für eine Schnapsidee. In Gedanken knoten wir schon mal alle unsere Ankerleinen und überzähligen Schoten zusammen.
Zwei Stunden später ist der Ernstfall eingetreten. Die LUV treibt führungs- und steuerlos bei absolut NULL Wind auf „North Ronaldsay“ zu, die nördlichste der Orkney-Inseln. Der Leuchtturm Dennis Head ist im mitternächtlichen Restlicht des hohen Nordens deutlich auszumachen. Zwei Meilen voraus. Blitz Gruppe 1, Wiederkehr alle zehn Sekunden.
Die Strömung wird schneller, jetzt schon drei Knoten, dann vier. Das Schiff beschleunigt direkt auf die Insel zu. Wie ausweichen? Hart Ruder Backbord. Nichts. Hart Ruder steuerbord. Nichts.
Stephan, der Wachführer, singt unsere Fahrt über Grund aus: „Viereinhalb, fünf, fünfeinhalb Knoten.“ 24 Meter Wassertiefe.
Wir hören Brecher voraus. Dann sehen wir sie auch. Steine, Strand, Stephan sagt: „Sechs Knoten Fahrt über Grund.“
Keine Fahrt durchs Wasser. Die Insel saugt uns förmlich an. Nur noch 200 Meter, 150 bis zur Steilküste. Plötzlich scheint das zuvor glatte Wasser um uns herum zu kochen. Kurze, sehr steile, richtungslose Kreuzseen spielen mit der LUV Treibholz.
Daniel kommt nach oben, braucht Zeit, die Lage zu begreifen: „Was ist los? Bloß weg hier! Ankern.“ Jörn sagt: „Gespenstisch.“ und geht unter Deck. Er ist wachfrei und hat Nerven wie Drahtseile.
„Sechseinhalb Knoten Fahrt.“ NULL Wind.
Wir schleppen einen Anker mit schwerer Kette und der langen dicken Leine an Deck.
Schnapsidee oder nicht. Noch zwei Steinwürfe bis zur Küste. Die LUV dreht sich langsam nach Norden und rast mit schließlich 6,7 Knoten Strom eben und eben an North Ronaldsay vorbei. Noch immer ist es absolut flau. Noch immer lärmt die Kreuzsee und die Brandung brüllt.
Aber wir kommen frei, treiben in steinwurfweitem Abstand vom Flach an Steuerborde auf die offene See. Es ist kalt. Es ist neblig. Mir ist heiß, ich schwitze.
In der Seekarte steht neben der Insel dieser Hinweis: „Aera to be avoided.“ – Gebiet meiden.
Noch zwanzig Meilen bis Fair Isle. Auch das eine „Area to be avoided“. .
Natürlich, wir hätten auch den Motor anwerfen können und wären in Minuten aus der Gefahr herausgefahren. Aber Regatta und Motor? Geht gar nicht.
Und überhaupt: Waren wir denn wirklich in Gefahr? Schiebt dieser gewaltige Gezeitenstrom denn nicht alles, was auf ihm schippert, Treibholz oder Yachten, einfach an der Insel vorbei und macht dabei viel Lärm um Nichts?
In der Flaute sind die Schiffe der Blue Race Flotte, jedenfalls die im Umkreis von 200 Meilen, zusammen getrieben, Die weit voraus waren, erwischte es als erste. Die in mehr als zwei Wochen herausgesegelten Positionen und Plätze sind Makulatur. Die „Haspa“, gestern noch 47 Meilen achteraus, ist bis auf zehn Meilen an uns herangekommen.
Eine gewasserte Möve paddelt mit der LUV um die Wette und gewinnt. Stephan rasiert sich. Als Spiegel nutzt er die Meeresoberfläche. Eine große Robbe taucht neben dem Schiff auf, betrachtet sich die Szene und taucht nach ein paar Minuten gelangweilt ab.
Die Luft gähnt ein wenig. Wir machen wieder Fahrt. Um 11.30 Uhr Meldung an die shottische Coast Guard: „.Fair Isle gerundet.“ Kurs Heimat.
Heiko
Tornow
An Bord LUV
6.7.2007,
12.00 Bordzeit (UTC)
Ort: 57.22.13 N 001.00.6 E
Wind 3 Beauufort aus NE
See:0,5 Meter
Die Nordsee begrüßt uns mit glattem Wasser, einer netten Brise aus ziemlich der Richtung, in die wir wollen und einem großartigen Empfangskomitee. Die tollste, längste, vielseitigste Delphinshow mit vielleicht 30 gelb-grau gezeichneten Darstellern bietet stundenlange Unterhaltung vom Feinsten, fast wie im Fernsehen.
Was haben wir sonst so alles nicht vermisst in den vergangenen 19 Tagen auf See? Falsche Frage: Was haben wir denn am meisten vermisst?
Kleine Umfrage bei der Crew: Was fehlt Dir, worauf freust Du Dich besonders?
Daniel, unmittelbar nach dem Aufstehen befragt, möchte „endlich wieder von jemandem geweckt werden, der mehr Haare hat als Otto.“
Eigentlich heißt Otto Jörn, umgetauft zwecks besserer Unterscheidung von Jörg. Otto, also Jörn, der mit den kurzen Haaren, freut sich auf „einen schön gedeckten Tisch. Mit Decke und Porzellan und Besteck aus Metall. Und viel Zeit zum Reden beim Essen.“
Jörg kann grad nicht interviewt werden. Er pennt. Mutmaßlich träumt der Schalke-Fan vom Fußball. Als er wach ist, korrigiert Jörg das Vorurteil: „Obst. Einen Apfel.“
Kai möchte „unbedingt ein frisch gezapftes Bier“. So richtig schön, sieben Minuten gezapft? „Nee, 20 Sekunden reichen.“ Auch Freddy möchte nichts lieber als ein „richtig schönes Bier vom Fass.“
Der Berliner Frank sehnt sich nach „´nem richtigen Bett. Und ´nem Teller Salat, wat richtig grünet.“ Auch der Frankfurter Stephan denkt an kulinarisches: „Ein wirklich. gutes Essen, guter Wein.“
Bastians Herzenswunsch ist naheliegend. Dem ewig müden fehlt sein Bett. Und die Badewanne.
Arne vermisst Privatheit und möchte sich eine halbe Stunde zurückziehen und niemanden sehen. Außer seiner Heileke natürlich. Aber das gilt für alle. Jeder Seemann sehnt sich nach der Liebsten am Kai.
Und ich? Worauf freue ich mich besonders? Auf festen Boden unter den Füßen. Diese ewige Schaukelei geht mir langsam auf den Keks.
Bedenkt man es recht, sind die größten Wünsche allesamt recht bescheiden und auf See allesamt unerfüllbar.
Die LUV navigiert zwischen Ölplattformen und Bohrinseln hindurch. Schlepper und Versorger irritieren durch merkwürdige Manöver. Wir versuchen, uns freizuhalten ohne Höhe zum Wind und ohne Speed zu verschenken. Noch ist Regatta angesagt. Aber, ehrlich gesagt, der letzt Siegeswille ist nicht mehr zu spüren, nachdem die Kathastrophenflauten der vergangenen Tage sehr gute Platzierungen praktisch unmöglich gemacht haben.
Rosi hält unseren sportlichen Ehrgeiz aufrecht. Wenngleich nicht Mitglied der segelnden LUV-Crew ist sie doch täglich virtuell an Bord. Rosi ist die Kommunikationszentrale, das Organisationsgenie unseres Blue-Race-Projektes. Rosi ist Gründerin, erste Vorsitzende und wichtigstes Mitglied des LUV-Fanclubs. Mit täglichen und nächtlichen mails stachelt sie uns an, lobt uns über den grünen Klee („Ihr seid ja suuuuper!“) und macht Mut. Die erfahrene Seefrau zeigt sich voll identifiziert.
In Hamburg versucht sie, daheim
in mitsamt Familie „die Situation an Bord
nachzustellen. Ich halte
zweimal am Tag den Gartenschlauch in's Wohnzimmer und wir laufen nur im
Ölzeugrum. Den Strom haben wir abgemeldet und Wasser gibt es nur, wenn
es
regnet und daran mangelt es wirklich nicht.
Das Shampoo und das Duschgel haben wir
verschenkt. Seitdem laufen die
Hunde lieber auf der anderen Straßenseite. Ist wohl nichts für die
empfindlichen Nasen..Nachts wecke ich zum Spaß die ganze Familie
mindestens 2 x
auf und lasse sie etwas Gartenarbeit machen. Das ersetzt die Manöver.
Gelegentlich kippe ich Petroleum aus, dann
riecht es schön nach Boot und
es kommt das wahre Feeling auf.“
Rosi informiert uns über Nebensachen und wichtiges, gutes und schlechtes in der Welt: „Alinghi hat den Amerikas Cup gewonnen. Bush ist noch immer US-Präsident.“ Über Rosi laufen alle Briefe von und an Bord.
Niemandes Post kommt zur LUV denn durch sie. Sie ist mittlerweile das personifizierte Briefgeheimnis. Was so alles zwischen Mann und Frau, Freund und Freundin hin und her gemailt wurde, alles ging über ihren Laptop. Und Rosie schweigt wie ein Grab.
Von Rosi erfahre ich auch von den empörten Beschwerden wegen Horst, jenen erfundenen elften Mann an Bord, der als Sündenbock herhalten muss für alles, was schief läuft: “Wer war das? Horst, der Saukopp!“ Mitfühlende Leser ohne Sinn für Ironie und Satire hätten die Partei des Horst ergriffen: So dürfe man doch nicht über einen Bordkameraden schreiben.
Was soll man da tun. Auf der einen Seite wollen wir nicht den Eindruck erwecken, wir seien herzlos. Auf der anderen Seite macht Horst als Mitsegler nur Sinn, wenn wir ihn weiter hemmungslos mobben dürfen. Was tun?
Noch 332 Seemeilen bis Cuxhaven.
Heiko
Tornow
An Bord LUV
7.7.2007,
12.00 Bordzeit (UTC)
Ort:55.09.1N 005. 06 E
Wind 6 Beaufort aus W
See: 2-3 Meter
Noch 117 Meilen bis zur Ziellinie. Ein Klacks nach der 3500 Meilen, die wir seit dem Start abgesegelt haben. New Port. Point Alpha. Golfstrom und Eddies. Zwei Wale gerammt. Dutzende gesehen. Delphin-Shows ohne Ende. Sturm und Flaute, vor allem diese lange Flaute. Glücklicher Landfall bei den Orkneyes. Stromabenteuer vor„North Ronaldsay“ oder war es ein Strom-Alptraum? Rundung von Fair Isle und Einfahrt in die Nordsee. Das letzte kurze Stück einer sehr langen Reise.
Die Strom- und Wetterdaten, die Kai in Hamburg wie seit Wochen schon für uns aussagekräftig aufbereitet hat, lassen uns ein rasches Reiseende erwarten.
Zeit zur Bilanz. Morgen früh, um 2 Uhr, wenn der Navigations-Rechner recht hat, segeln wir über die Ziellinie. Wenn Kai recht behält, unter Spinnaker in Rauschefahrt. Im Hafen die Frauen, Kinder, Freunde. Wir sehnen uns danach. Auch nach der Dusche (Ob es vielleicht besser ist, erst zu duschen und dann zu umarmen?)
Ich habe jedes Crewmitglied gebeten, ein persönliches Fazit unserer Reise zu ziehen:
Jörn: Nach über einem Jahr, äußerst zeit- und arbeitsintensiver Vorbereitung, war die Regatta mein gerechter Lohn. Das Ergebnis ist sehr befriedigend, die imposanten Natureindrücke und die gute Mannschaftsstimmung werden mir lange in Erinnerung bleiben. Ich liebe meine drei Frauen Sabine, Christina und Johanna, für Ihr Verständnis und Ihre Unterstützung.
Kai: Das Blue-Race war für mich ein großes Abenteuer. Der intensive Umgang mit Boot und See haben Eindrücke hinterlassen, die ich zeitlebens abrufen werde.
Daniel: Eine super Regatta, die sich besonders durch die unterschiedlichen Charaktere an Bord bei mir einprägen wird, denn die Konkurrenz war ja nie in Sicht. Ich möchte der super Crew danken, dass sie mir auch wirklich nur einmal mit Astronautenkost gekommen ist. Jetzt will ich erstmal wieder „normal“ segeln, diese Atlantik-Kreuzfahrten sind doch anstrengend!
Frank: Es war eine Überfahrt unter moderaten Bedingungen, so dass Unzulänglichkeiten, sowohl technischer als auch menschlicher Natur, glücklicherweise keine Rolle gespielt haben. Ein Erlebnis war diese Atlantiküberquerung allemal.
Stefan: Ein prägendes Erlebnis, die Dimensionen des Atlantiks werden einem bewusst,….
eine Pause vom geregelten Leben an Land,….ein gutes Gefühl wenn man es geschafft hat.
Freddy: Die Mannschaft gesund und das Boot heil angekommen! Eine beeindruckende und harmonische Überfahrt.. Ich würde mit fast allen sofort und überallhin wieder starten, auch über den Atlantik. Zwar wurde das Regattaelement gelegentlich zugunsten eines ambitionierten Cruisens zurückgestellt, der damit verbundene Gewinn an Bequemlichkeit und persönlichem Wohlbefinden, hat jedoch sicherlich zur guten Stimmung wesentlich beigetragen. Ich sehe auch die Platzierung, obwohl sie vielleicht in Teilen etwas hinter den ursprünglichen Erwartungen zurückbleibt, als großen Erfolg. Mein Dank gilt allen an Land und auf See, die dies möglich gemacht haben.
Arne: Das größte Abenteuer meines bisherigen Seglerlebens geht zu Ende. Was bleibt?
Die beeindruckende Weite des Nordatlantik. Tage, Wochen ohne Sichtkontakt zu anderen Schiffen. Wale, Delphine Auge in Auge.
21 Tage ultimatives Segeln mit nächtlichen Spinnakerritten im Golfstrom: Reinste Segellust .
3 Wochen Crewkameradschaft mit respetkvollem, freundschaftlichen Umgangston. Dazu jede Menge Lachen. Besser geht´s eigentlich nicht.
Basti: Für mich war diese Regatta eine große Herausforderung, auf die wir lange hingearbeitet und der ich lange entgegen gefiebert habe. Ich habe unterwegs seglerisch einiges gelernt, aber vor Allem, Geduld und Ausdauer zu bewahren; denn es gibt Dinge im Leben, die man einfach nicht beeinflussen kann und auf dem großen weiten Meer einige mehr davon.
Jörg: Ein lang gehegter Traum, den Atlantik zu überqueren, ist pünktlich in Erfüllung gegangen. Mein Dank gilt insbesondere Heiko, der Crew, und den vielen anderen, die diese Reise ermöglicht haben. Auch Rosi möchte ich hier noch mal hervorheben, die mit ihren selbstlosen Einsatz einen unermesslichen Beitrag zum Gelingen geleistet hat.
Eine wunderschöne Reise ist zu Ende, da bleibt nur noch eins: Was kommt als Nächstes ?
Und ich? Meine Ziele habe ich erreicht. Die Mannschaft ist heil und gesund, die LUV ohne jeden Schaden wieder daheim. Wir haben einen respektablen Platz ersegelt. Mit etwas mehr Glück wäre vielleicht mehr drin gewesen.
Die Crew hat bemerkenswerte soziale Kompetenz entwickelt. Rücksichtnahme auf die Eigenarten eines jeden war gefordert und wurde erbracht. Nicht jeder ist nach den 21 Tagen auf engstem Raum mit jedem fürs Leben befreundet. Wie denn auch?
Aber vom ersten bis zum letzten Tag wurde viel gelacht an Bord der LUV. Eben wieder.
Was will ich mehr?
PS: Im Vorschiff finden sich noch sechs Rollen Toilettenpapier. Welche Erleichterung.